Modellsuche

Suchen

GTranslate

English French Italian Japanese Russian Spanish Swedish

07. Mai 1765: 250. Geburtstag der HMS Victory Drucken
Donnerstag, 07. Mai 2015 um 05:00

 

07. Mai 1765: 250. Geburtstag der HMS Victory

 

Heute, am 7. Mai 2015, ist der 250. Jahrestag des Stapellaufs der HMS Victory (siehe Jahrestage auf Modellmarine). Schon bei Trafalgar war die HMS Victory ein ruhmreiches Schiff, und da sich die normalerweise erzählte Geschichte der Victory meist auf diese eine Schlacht und eventuell auf die Monate davor konzentriert, möchte ich hier einmal auf die verschiedenen anderen Bauzustände eingehen, die dieses Schiff in seiner langen Geschichte durchlief. Interessanterweise sind die meisten dieser Zustände viel besser dokumentiert als die der kurzen Zeit zwischen 1803 und 1805, die dann doch meist gebaut wird ...

Das ursprüngliche Aussehen des Schiffes ist bekannt, da die Originalpläne von Sir Thomas Slade vom 6. Juni 1759 erhalten sind.

Quelle: NMM

Zu diesem Zustand gibt es ein schönes Modell im NMM National Marine Museum (Greenwich):

Quelle: NMM

Man erkennt deutlich die offenen Heckgalerien, die anders geschnittene Kuhl (die rechteckige Aussparung im Oberdeck) und die tiefer liegenden Rüstbretter. Nicht beachten sollte man allerdings die Schlitten für den Stapellauf, diese wurden im Dock natürlich nicht verwendet.

Quelle: NMM

Auch die Bemalung, der Schmuck des Hecks, die aufgemalten Schmuckfriese der Seiten, der altmodische Seitenpfortenbaldachin und die oben gezeigte ausladende Galionsfigur unterscheiden sich deutlich vom Schiff, so wie wir es heute kennen.

Die Victory wurde nicht im klassischen Sinne zu Wasser gelassen, da sie im Trockendock gebaut wurde. Kurz vor dem Ausdocken scheint aufgefallen zu sein, dass das Tor des Docks zu schmal war - die Verbreiterung wurde scheinbar gerade noch rechtzeitig fertig. Und erst einmal im Wasser fiel des Weiteren eine Neigung nach Steuerbord auf, die später mit 34 Tonnen Ballast korrigiert werden musste. Und da alle guten Dinge drei sind, hatte das Schiff mehr Tiefgang als erwartet, wodurch die unteren Pforten etwa 9 Zoll (23 cm) näher am Wasser lagen als geplant.

Sie wurde dann bis 1769 fertig gebaut und nach kurzem erfolgreichen Segeltest kam das Schiff bis 1778 in Ordinary/Reserve, einen Zustand der so ähnlich wie auf dem Plan der Prince of Wales ausgesehen haben dürfte – die ganzen Geschütze und alles Inventar ausgebaut, die gesamte Takelage bis auf die Untermasten in Lagerhäusern eingemottet und mit einem Dach über dem ganzen Schiff.

Quelle: NMM

Im März 1778 wurde das Schiff endlich in Dienst gestellt und ausgerüstet – der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg und Krieg mit Frankreich stand an. Wie sie damals ausgesehen haben müsste, zeigt ein schönes Modell im Marinemuseum in Portsmouth:

Man sieht auch in der Betakelung einen großen Unterschied: Es wurde noch die Besanrute gefahren, die nur hinter dem Mast besegelt war, auch schön zu sehen auf einer der ersten Darstellungen der Victory von 1779, Sailing by the White Cliffs of Dover. Dies ist übrigens der letzte Hinweis auf die Eingangspforten für die nächsten 20 Jahre ...

Quelle: NMM

1780 erhielt die Victory während eines Werftaufenthalts/Refit ihre Kupferung. 1787-1788 folgte eine große Überholung/Large Repair. Dabei wurden die Masten versetzt, die Struktur verstärkt, die Kuhl überarbeitet, der Brodie Stove eingebaut und die Innenwände weiß/whitewash gestrichen. Aus dieser Zeit gibt es erste Werftzeichnungen, hier ist keine Seitenpforte dargestellt, gleichzeitig ist aber keine Erhöhung der Geschützzahl für dieses Deck dokumentiert. Danach kam wieder ein Jahr Reserve.

Quelle: NMM

Aus dieser Periode gibt es mehrere bekannte Gemälde, hier 1791 von Robert Dodd The 'Victory' Sailing from Spithead:

Quelle: NMM

Am bekanntesten ist wahrscheinlich das Gemälde von Monamie Swain, The 'Victory' Leaving the Channel in 1793. Hier fährt sie immer noch ihre Besanrute:

Quelle: NMM

1794/95 kamen Reparaturen, bei denen der Außenklüver/Flying Jibboom installiert wurde.

Nachdem im Oktober 1797 bei einer Inspektion des Schiffes strukturelle Schäden festgestellt wurden, stellte man die Victory außer Dienst und strich sie von der Schiffsliste der Royal Navy. Bis 1799 diente sie als Lazarettschiff, so ähnlich wie dieser Zweidecker hier. Wieder kam ein Dach darüber, der Innenausbau wurde komplett entkernt und neu gemacht, Fenster in die Stückpforten eingesetzt und dicke Fender an den Seiten angebracht.

Quelle: NMM

Dann drohte der Guten das Schicksal noch weiterer Degradierung zum Gefängnisschiff/Prison Hulk. Diese Umbauten hätten einen Rückbau zum Kriegsschiff nicht mehr zugelassen. Eine Impression dieses Schicksals gibt das Gemälde der Prison Hulks auf der Themse.

Quelle: NMM

Für die Victory kam die Rettung in letzter Sekunde durch zwei andere Schiffsunglücke. Durch den Verlust von zwei Dreideckern in kurzer Folge – die HMS Impregnable war gestrandet und die Queen Charlotte abgebrannt – gab es kurzfristig Bedarf für einen Dreidecker. So entkam die Victory diesem Schicksal und ging zurück in die Werft.

The Great Repair

Beim Great Repair genannten großen Umbau ab 1800 wurde die Gute auf den Stand der Zeit gebracht. Das offene Heck wurde geschlossen und der Figurenschmuck reduziert, die heute bekannte kleinere Galionsfigur angebracht, die Rüsten wurden versetzt, zusätzliche Stückpforten am Bug geschnitten und die am Heck auf zwei reduziert. Außerdem bekam sie geteilte Marsen und die Besanrute wurde durch ein Gaffelsegel ersetzt. Außerdem wurde (auf Veranlassung durch Admiral Nelson, der das Schiff 1803 übernahm) die hinterste Ladeluke auf dem Oberdeck (direkt vor der Ruderanlage und dem Nachthaus) entfernt und zugeplankt, um mehr Platz für die Mannschaft auf Deck zu haben.

Dieser große Umbau brachte sie zu der Erscheinung, wie wir sie mittlerweile gewohnt sind. Beim Auslaufen 1803 waren die Seiten des Schiffes noch mit reinen schwarzen und gelben Streifen versehen, die typischen schwarzen Pfortendeckel bekam sie erst später auf Nelsons Wunsch („Nelson Chequer“). Auch die ursprünglich schwarzen Mastreifen wurden erst kurz vor Trafalgar mit Ocker überstrichen, damit sie als Unterscheidung zu den schwarzen Reifen der Franzosen dienen konnten.

Übrigens, diese Zeit ist die am schlechtesten dokumentierte in der Geschichte des Schiffes :-)

Vom Umbau gibt es keine Pläne. Einige der Victory zugeschriebene Modelle und Zeichnungen im NMM sind meiner Meinung nach falsch zugeordnet, da sie klar Second Rates darstellen. Ob Seitenpforte oder nicht, gebaute Backreling oder wie das Heck aussah – viel Platz für Spekulationen und erhitzte Diskussionen. Auch die Gemälde über das Schiff in dieser Zeit entstanden meist erst viel später oder ordneten sich wie besonders bei Turner künstlerischen Aspekten unter.

Nach der Ankunft der von der Schlacht gekennzeichneten Schiffe in England wurde die Victory im Dezember von John Livesay und William Turner gezeichnet. Doch auch diese Zeichnungen sind entweder vage oder besitzen einige Unklarheiten.

Hier die Zeichnung des Achterdecks von Turner.

Quelle: NMM

Diese Zeichnung ist von Livesay auf Dezember 1806 datiert:

Interessant ist, dass Livesay schon im Dezember 1805 das Schiff zeichnete, diese Zeichnung aber auf ein Jahr später datiert ist, als die Victory in Ordinairy auf dem Medway lag. Ich denke, dass diese Zeichnung die Grundlage für die Restauration des Heckspiegels im Jahre 1922 war.

Danach war die Victory von 1808 bis 1812 mit Admiral Sir James Saumarez mehrfach in der Ostsee unterwegs. Taktisch und vor allem diplomatisch waren die Fahrten so erfolgreich, dass diese Mission als einer der Auslöser für Napoleons Russlandfeldzug gilt.

In dieser Zeit entkam sie auch knapp dem Winterhurrikan an Weihnachten 1811, der die HMS St. George und die HMS Defence vor Thorsminde untergehen ließ.

Am 28 November 1812 wurde sie in Portsmouth abgemustert und sollte danach nie wieder auf Fahrt gehen.

1813 bis 1816 stand der nächste große Umbau an. Sie bekam den „Runden Bug“ nach Robert Seppings Vorschlägen, die auf den Erfahrungen von Trafalgar gründeten. Dabei wurde die ganze Galion überarbeitet, die Ankerklüsen für Ketten umgearbeitet und vieles andere mehr und vor allem bekam sie jetzt die damals aktuelle Schwarz-Weiß-Lackierung, die über alles drüberging, so über den ganzen Bug inklusive Ankerstöcke und sogar die Beiboote.

1822 wurde der Dreidecker HMS Prince of Wales abgewrackt. Irgendwann in der Folgezeit wurde deren Heckschmuck – die drei weißen Federn des Prinzen von Wales – am Heck der Victory angebracht. Kleine aber bekannte Anekdote, doch tatsächlich zeigen fast alle Modelle des Trafalgar-Zustandes diese Federn.

Um die Victory zu erhalten, wurden immer wieder neue Rollen für sie gesucht und gefunden, die auch Umbauten erforderten. Das Rigg wurde dabei schrittweise reduziert. Um sie weiter zu entlasten, bekam sie die Stahlmasten der HMS Shah. Auch heute hat sie nur Stahlhülsen, zu erkennen an den Wartungsklappen, die höchstwahrscheinlich bei Holzmasten nicht vorhanden waren.

Dieser Zustand des Schiffes ist auf vielen Zeichnungen aus dieser Zeit und vor allem auf den ersten Fotografien ab 1850 gut dokumentiert. Die Erscheinung des Schiffes hat nichts mehr mit dem eleganten Dreidecker von 1765 gemeinsam. Die Kuhl ist zugebaut, eine kleine Hütte mit Schornstein an dieser Stelle zu sehen. Die Reling hoch umbaut, der runde Bug, die andere Heckgestaltung, das immer mehr kastrierte Rigg mit zum Schluss nur noch der Hälfte der Wanten, Fenster in den Stückpforten, Bootsdavits an den Bordwänden, die neuen Eingangspforten, Abflussrohre, Fenster zum Orlopdeck und vieles andere mehr.

Das Gemälde HMS Victory in Portsmouth Harbour with a coal ship alongside von Edward William Cooke aus dem Jahr 1828 zeigt ein scheinbar noch vollständiges Rigg. Spätestens seit hier ist die Seitenpforte wieder belegt, allerdings eine Öffnung weiter hinten als im ursprünglichen Plan.

Hier eine der ersten Fotografien mit schon stark reduziertem Rigg:

Auch die Kabinen unter dem Poopdeck, wo auch Nelsons Kabinen waren, wurden nach der Schlacht nie wieder hergerichtet, dafür stand dort Jahre lang Nelsons Barke, die seinen Leichnam nach St. Pauls gebracht hatte.

In diesem Zustand verrottete das Schiff langsam und es war fast ein glücklicher Zufall, dass sie 1903 von dem ausgemusterten Turmschiff HMS Neptune gerammt wurde und schnell eingedockt werden musste, und so die wichtigsten Reparaturen gleich mit ausgeführt werden konnten. Hier ein Zeitungsbild des Schadens, die Struktur auf der linken Bildseite müsste die untere Plattform der Gangway zur Seitenpforte sein.

Pünktlich zu den Jahrestagen der Schlacht von Trafalgar wurde das Schiff immer etwas herausgeputzt, das berühmte Flaggensignal über alle Masten gesetzt, auch die Originalnachricht war ja auf mehrere Teile verteilt, da zu lang. Zum 100-jährigen Schlachtjubiläum 1905 war natürlich großer Bahnhof angesagt, da wurden die Masten nachts sogar beleuchtet. Zu diesem Zweck wurde eine ganz neue Generation Kriegsschiff, ein U-Boot, neben der alten Dame geparkt, das sie mit Strom versorgen konnte.

Interessanterweise gibt es einige Fotografien, die ein U-Boot neben der Victory zeigen – es scheint wohl öfters Strombedarf gegeben zu haben ...

Hier das U-Boot C34 der britischen C-Klasse, das wenige Jahre später von den Deutschen versenkt wurde. 1909 auf Kiel gelegt, 1910 in Dienst gestellt, am 24. Juli 1917 wurde es im aufgetauchten Zustand vom deutschen U-Boot U 52 vor Fair Isle in Shetland mit der Kanone versenkt, der einzige Überlebende wurde von U 52 gerettet.

1922 war die Victory nicht mehr länger fähig auf dem Wasser zu bleiben und kam ins Trockendock.

Dieses Bild zeigt den Zustand vor dem historisierenden Rückbau. Schön ist der runde Bug mit dem schmaleren und schrägerem Scheg zu sehen. Es fällt auch auf, dass das Schiff – vor allem mit dem Bug - tiefer liegt als heute. Nachdem dies von königlicher Seite derselbst moniert wurde, wurde die Gute noch einmal aufgeschwemmt und höher und ebener positioniert.

Und vor allem begann das Programm, das heute noch läuft: Rückbau in den Zustand von Trafalgar und Konservierung für die Zukunft.

Ihren letzen Kiegseinsatz hatte sie übrigens von 1940 bis 1945, hier in ihrer Gefechtshaltung mit herabgelassenen Masten. 1941 wurde sie von deutscher Seite nach einem Bombentreffer als „versenkt“ gemeldet, die britische Seite dementierte prompt, die Schäden am Kiel hielten sich zum Glück in Grenzen.

Im Moment unterläuft die HMS Victory einer weitgehenden Frischzellenkur, die Masten sind deswegen zur Zeit ähnlich dem Kriegszustand abgeriggt.

Als Zusammenfassung kann man sagen:
Nach mindestens einem Dutzend Repairs und zwei Dutzend Refits, drei Large Repairs, die eigentlich Rebuilds waren, und Umbau zu Hospitalschiff, Truppentransporter, Wachschiff, Kohletender, Ausbildungsschiff und vielem anderen mehr, wundert es, dass sogar noch ein wenig von der Grundsubstanz von 1765 erhalten sein soll, vor allem im Kielbereich.

Zum Schluss dieses interessante Bild – wie sich in 100 Jahren die Erscheinung der Kriegsschiffe doch grundlegend geändert hatte.

Quellen: Wikipedia, NMM, McKay, Lavery, McGowan, Goodwin und eigene Aufnahmen

 

Es gratuliert ganz herzlichst und wünscht alles Gute für die Zukunft,

Daniel Fischer
www.dafinismus.de