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Öltanker Esso Glasgow 1/400 von Frank Spahr Drucken
Dienstag, 14. Februar 2006 um 09:42

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Hier haben wir es mit einem typischen Impuls- und Verlegenheitskauf zu tun. Ich habe diesen Bausatz als Sonderangebot bei NNT bestellt, um auf deren Mindestbestellwert zu kommen, den ich für irgendeine andere wichtige Bestellung brauchte. Mir hatte dabei vorgeschwebt, vielleicht einmal ein Diorama mit einer Szene aus der Atlantikschlacht zu bauen, und dafür wäre er in dem Maßstab gut geeignet.. Es wurde dann aber doch etwas anders. Zuerst lag der Bausatz eine Weile herum, aber immerhin in meinem Bastelkeller und nicht in der Bausatzendlagerstätte zwei Türen weiter. Und nach all der Arbeit an der Varyag von Zvezda wollte ich ein lockeres Projekt dazwischenschieben, also wählte ich den Tanker.
Ich wollte mich im Verarbeiten von Ätzteilen, im Altern von Schiffsmodellen und in der Gestaltung von Wasserflächen weiter üben, ohne einen teuren Bausatz damit womöglich zu ruinieren. Also beschloß ich, das Modell als zivilen Tanker zu bauen und ihn - soweit mir möglich - zu verbessern. Ich sah ein altersschwaches und dementsprechend abgenutztes Schiff vor mir, irgendwo vertäut, wo es auf den Abwracker wartet. Ich hatte Ähnliches in Portsmouth gesehen, wo der Bereich, in dem ausgediente Kriegsschiffe dümpeln, „Rotten Row“ genannt wird. Dazu paßte auch die merkwürdige Rumpfform irgendwo zwischen Wasserlinie und Vollrumpf. Ich dachte mir, daß ein unbeladener Tanker wahrscheinlich ähnlich hoch aus dem Wasser ragen würde.
Ich schaffte mir keine zusätzliche Literatur an, sondern beschränkte mich auf ein ausgiebiges Googeln zu den Themen Esso Glasgow und T2 Tanker. Ich fand auch einige Bilder, sogar einen Walkaround, was mir aber nicht unterkam, war ein Bild jenes riesigen Skylights über dem Maschinenraum, das mir am Modell als klobig und unstimmig übel aufgefallen war. Während der Rest des Bausatzes in Anbetracht des Alters der Form recht gut aussah, stach dieses Teil einfach heraus.
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Also fing ich genau dort mit dem Bau an. Ich sägte das Rahmenwerk aus Kunststoff aus und ersetzte es durch Teile von fotogeätzter Reling. Im Nachhinein habe ich gehört, daß das Skylight wirklich riesig war, also könnte der Effekt in die richtige Richtung gehen. Als nächstes verschaffte ich mir einen Überblick, wie viele angegossene Niedergänge ich durch Ätzteile zu ersetzen hatte und wo diese lagen. Ich zog die diversen Aufbauteile mit Bleistift nach und ordnete ihnen Buchstaben zu, dann markierte ich die Lage der Niedergänge. Dann entfernte ich die gegossenen Niedergänge mittels meiner Feinsäge (Razor saw) und Uhrmacherfeilen. Ich entfernte auch die gesamten angegossenen Relings am Schiff, wozu ich meinen Lidl-Dremel (der hat erheblich weniger Drehmoment und eine geringere Mindestdrehzahl als der richtige) und die erwähnten Werkzeuge benutzte. Das war an den Laufbrücken besonders kniffelig. Im Nachhinein hätte ich sie besser neu gebaut, denn ich schätze, das wäre unwesentlich mehr Arbeit gewesen als all das abtrennen, verschleifen und verspachteln. Ersetzt werden mußten auch die verschiedenen senkrechten Deckstützen, da sie auf den angegossenen Relings auflagen und nach deren Entfernung auf halbem Weg endeten. Dazu benutzte ich Evergreen-Profile.
Die Passung des Bausatzes war bei meinem Exemplar gut, was angesichts des Ursprungs in den 1950er Jahren ebenso erfreulich wie überraschend ist. Ärgerlich fand ich lediglich die Konstruktion der Aufbauten: Um tatsächlich offene Bullaugen hinzubekommen, hat man alle senkrechten Wände waagerecht geteilt, so daß jeweils eine Hälfte an jedem Deck hängt. Halbrunde Aussparungen ergeben dann zusammen die Bullaugen. Und natürlich hat man dadurch aber auch wirklich an jeder senkrechten Wand einen deutlichen Spalt, den man erst dann angehen kann, wenn alles zusammengeklebt ist. Was dann nach sich zieht, daß die Bemalung auch erst danach erfolgen kann, und darin bin ich wirklich nicht gut. Ich bevorzuge es immer, wenn die Decks und die senkrechten Wände getrennte Teile sind, damit ich die Übergänge nicht versaue.
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Hier war das nicht möglich, so daß ich also nach einiger Arbeit mit Spachtelmasse und Schleifgeräten irgendwie die weißen Wände und die grünen Decks hinkriegen mußte. In meinem Fall ging das nur mit Abkleben und trotzdem noch vielem Hin und Her. Das war auch die einzige Phase, in der ich mit dem Gedanken spielte, das Modell wegzuwerfen, aber schließlich war es ja eine Übungsarbeit – und Übung bekam ich dabei!
Was die Bemalung anging, so richtete ich mich fast nach der Anleitung; ich bemalte nur sämtliche Decks grün anstatt einige holzfarben auszuführen. Meine Überlegung war, daß noble Holzdecks bei der beschleunigten und vereinfachten Bauausführung im Krieg vermutlich als erstes gestrichen worden waren. Wer es besser weiß, möge mich berichtigen. Der Rumpf wurde mattschwarz gespritzt, das Unterwasserschiff in einem mir passend erscheinenden Rotton. Die Aufbauten wurden weiß, die Decks grün und die diversen Lüfter und Ladebäume und Masten Lufthansagelb, mit rot abgesetzt . Ich bemühte mich, am Anfang das Schiff wirklich sauber erstehen zu lassen, und ich freute mich auch mal über etwas Farbe am Modell.
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Hier muß ich meine Probleme mit Revell mattschwarz Nr. 8 erwähnen. Das mattschwarz des Rumpfes, mit Revell-Verdünner verarbeitet und auf meine übliche Art gespritzt, WOLLTE NICHT TROCKNEN. Stattdessen lösten sich eklige kleine rußige Krümelchen und brachten mich noch mehr auf die Palme. Schließlich sah ich mich gezwungen, den gesamten Rumpf abzubeizen und neu zu spritzen, diesmal mit Model Master Enamels. Natürlich war zu diesem Zeitpunkt auch das Unterwasserschiff schon fertig gewesen, so daß ich ALLES neu machen mußte ...
Später habe ich im Bastelladen gehört, daß ich nicht der einzige war, der mit dieser (und anderen) Farben von Revell sowie mit dem Kleber Probleme hatte. Anscheinend wurde hier die Zusammensetzung geändert und die neue funktioniert (noch) nicht richtig. Ich mußte auch neuen Kleber wegwerfen, weil er völlig zähflüssig war und auch mit der Silberfarbe und mit mattweiß hatte ich massive Schwierigkeiten, die mich meinen 1:72er Hunter gekostet haben. Und ich habe es natürlich zuerst auf mein Ungeschick geschoben ...
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Nachdem schließlich alles an Plastik soweit möglich zusammengebaut war, wandte ich mich den Ätzteilen zu. Ich hatte mich dazu entschlossen, lediglich Relings und Niedergänge sowie ein paar Handräder aus Ätzmaterial zu verwenden. Die Niedergänge und die Reling der Laufbrücken kam von Saemann (Nr. 3030,3031,3065), während die längeren Niedergänge und alle übrigen Relings aus dem Ätzteilsatz von WEM „PE 4001: 1:400 Extrafine 3-Bar Rails and Ladders“ kommen. Diese Teile passen maßstäblich besser und sind deutlich feiner und detaillierter, sie weisen sogar Speigatten auf. Allerdings sind sie natürlich auch kniffliger in der Verarbeitung, eben WEM ... Die Saemannteile haben bei meiner Varyag von Zvezda gut funktioniert, aber für dieses Projekt erwiesen sie sich als nicht fein genug, und besonders die Handläufe der Niedergänge waren viel zu hoch und mußten gekürzt werden.e6
So wurschtelte ich mich also durch die Relings hindurch, die ich übrigens vor der Verarbeitung schon entfettet und weiß gespritzt hatte; manchmal ging es besser, manchmal klebten meine Finger echt super, aber die Reling überhaupt nicht, manchmal kriegte ich die erforderlichen Knicke partout nicht hin. Es war ein Auf und Ab, aber eine gute Übung – so sagt man glaube ich.
Die Masten wurden aus dem Kasten benutzt, nur die Flaggenstöcke wurden aus dünnem Draht ersetzt.
Schließlich ging es an die Nassschiebebilder oder etwas flutschiger gesagt Decals. Wie meine Flugzeuge überzog ich das ganze Schiff zuerst mit Future Bodenversiegelung, um eine glänzende Oberfläche zu erreichen und sicher das eklige Silbern zu vermeiden. Nach angemessener Trocknungszeit brachte ich die Decals mit Micro Sol auf, versiegelte sie mit mehr Future und schaffte schließlich eine matte Oberfläche mit Flat Future, Tom Cleavers Mischung aus Future und Tamiya Acrylic Flat base.
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Endlich konnte ich mich nun ans Altern machen. Ich habe so viele Filme gesehen, in denen Modelle von Derek Meddings mitspielten, so z.B. James Bonds mit Roger Moore oder die Serie UFO, daß ich vor Augen hatte, was ich wollte – einen abgenutzten und roststreifigen Rumpf, an dem auch die Namenszüge nicht mehr ganz taufrisch aussehen. Also machte ich mich ans Werk. Ich benutzte Wasserfarben und Pastellkreiden, aufgebracht mit diversen feinen Pinseln und nachgearbeitet mit Q-Tips und meinem Glasfaserstift. Beide Methoden sprachen mich an wegen der Möglichkeit, Korrekturen anzubringen. Also probierte ich herum und machte nach einer Weile Fotos, um mir den Effekt anzuschauen und Korrekturen anzubringen. Ich arbeitete mich in den streifigen „Look“ herein, wobei ich schwarz, ocker und rot benutzte. Das Schwarz fand ich besonders hilfreich dabei, die Effekte ineinander übergehen zu lassen. Die Pastellkreide war in Ecken und Winkeln sowie zum weiteren Verbessern der Übergänge.
Die Anker wurden erst gegen Ende versäubert, bemalt und angebaut, weil ich ursprünglich das Schiff vor Anker hatte zeigen wollen. Ich bemalte sie mit Model Master Metalizer „Exhaust metal“ und trug dann rostfarbene Pastellkriede auf. Und ich bemühte mich besonders darum, unter den Ankern schöne fiese Roststreifen am Rumpf entstehen zu lassen.
Als weitere Neuerung für mich verstecken sich auf der Glasgow auch einige Figuren. Martin Kohring von der IG Waterline und modellversium hat mir freundlicherweise unbemalte 1:350er Figuren zur Verfügung gestellt, von denen ich ein paar hier verwendet habe. Sie wurden hauptsächlich blau bemalt, mit schwarzen Stiefeln, fleischfarbenen Gesichtern, sowei Haaren bzw. Mützen. Sie wurden an ausgewählten Stellen an Deck angeklebt.
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Nun blieb nur noch die Basis mit dem Wasser. Hier verwandte ich das Rezept, das Frank Ilse auf modellmarine vorgestellt hat. Da es ein erster Versuch ist, läßt die Basis noch einiges zu wünschen übrig, aber funktioniert hat es auf jeden Fall. Ich schnitt mir ein Stück Styropor passend zu, in Ermangelung eines passenden Bilderrahmens bemalte ich die Kanten vorerst blau. Es ist ja nur zur Übung, dachte ich mir.
Ich hatte eine Kartonschablone vom Rumpfboden des Schiffes gemacht, die ich mit Stecknadeln an der gewünschten Stelle auf der Styroporplatte befestigte. Dann spritzte ich das Styropor in verschiedenen Blau- und Grüntönen, wobei ich in der Nähe des Schiffes dunklere Schattierungen verwendete und generell versuchte, etwas Leben hineinzubringen. Beim nächsten Mal werde ich besser deckende Plakafarbe nehmen, wie von Frank auch angegeben,
Als das trocken war, trug ich eine großzügige Menge glasklaren Dichtsilikons aus dem Baumarkt auf die Basis auf und verteilte sie mit einem Spachtel. Weiter modelliert wurde das Material mit einem Eßlöffel sowie mit einem Zahnstocher für das aufgewirbelte Kielwasser. Einige Korrekturen waren erforderlich, und ich mußte auch einige Silikonfädchen abschneiden. Aber schließlich gefiel es mir gut, und ich bemalte die Gischt mit mattweißer Farbe.
Nach Entfernen der Schablone paßte ich das Schiff an die Basis an, wozu noch ein paar Korrekturen erforderlich waren, die ich mit Silikon erledigte. Schließlich wurde das Schiff mit Silikon an die Basis geklebt.
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Zum guten Schluß entstand die Takelung nach Jim Baumanns Methode aus gezogenem schwarzen Gußast, mit Polystyrol-Flüssigkleber verklebt. Ein abschließender Überzug mit mattem Klarlack versiegelte das Weathering und verdeckte meine üblichen glänzenden Kleberflecke.
Die Fotos wurden mit meiner treuen Nikon 995 gemacht, mit manuellem Weißabgleich, Blendenautomatik zur Erzielung von möglichst viel Tiefenschärfe und natürlich vom Stativ. Ich bemühte mich darum, attraktive Perspektiven zu finden und den „Look“ dieses mitgenommenen Überbleibsels aus den schlimmen Zeiten des Kampfes um Großbritanniens Lebensader zu treffen.
Frank Spahr
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Frank Spahr