Das Original

Im Rahmen des Flottenaufbauplans für eine gesamtdeutsche Marine aus dem Jahr 1873 wurde der Bau kleinerer Panzerkanonenboote zur Verteidigung der deutschen Küsten und Flussmündungen beschlossen. Von 18 geplanten Schiffen entstanden von 1875 bis 1881 bei der Bremer Werft AG Weser insgesamt elf baugleiche Einheiten. Die 46,4 m langen und 10,6 m breiten Schiffe waren als vorgeschobene Küstenbatterien konzipiert und sollten dort operieren, wo es keine Verteidigungsbauwerke gab oder errichtet werden konnten. Sie sollten Flussmündungen sowie die Einfahrten zu den norddeutschen Häfen sichern. Die Erfahrung der Seeblockade der Elbmündung im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 war noch sehr präsent. Bei einer Seitenhöhe von 3,9 m besaß die Wespe-Klasse einen flachen Schiffsboden, um notfalls im Wattenmeer trockenzufallen und so ihre Verteidigungsfunktion weiterhin auszuführen. Erwartet wurden damals vor allem Angriffe Frankreichs oder, in der Ostsee, Russlands. Die Marine – zwar eine eigene Waffengattung – galt 1876 konzeptionell noch als verlängerter Arm des Heeres zur See. Bezeichnend für den Zustand ist, dass der Chef der Admiralität ein General war (Albrecht von Stosch).


Die 1100 t großen, aus Eisen gebauten Boote führten ursprünglich, neben dem Rammsporn am Bug, als einzige Bewaffnung eine 30,5-cm-L/22-Ringkanone – das schwerste damals auf Schiffen eingesetzte Kaliber – mit je 38 Schuss. Der Seitenrichtbereich des gewaltigen Geschützes war gering; um die gewünschte Schussrichtung zu erreichen, musste das ganze Schiff mit seinen zwei Schrauben gedreht werden, sodass ohnehin nur Feuer nach vorn möglich war. Die Rohrachse lag immerhin 3,7 m über der Wasserlinie, was den Einsatz der Kanone auch bei unruhiger See ermöglichen sollte. Bemerkenswert ist das strahlenförmige Verlegeschema der Decksplanken vor der Barbette: es sollte beim Schuss dem seitlich sich bewegenden Kanonenrohr folgen und dem Holz dem Gasdruck beim Schuss eine möglichst kleine Angriffsfläche bieten. Der Seitenpanzer war 203 mm stark, ein 50 mm starker Deckspanzer vorn sollte vor Vertikalfeuer schützen. Viele der Boote wurden nach Insekten benannt, daher rührt der Beiname „Insektengeschwader".


Die Schiffe der Wespe-Klasse waren extrem seeuntauglich und wurden nur selten und dann nur kurzzeitig aus der Reserve zu Übungszwecken in Dienst gestellt. Sie stehen beispielhaft für die frühen Versuche des noch jungen Deutschen Reiches, eigene Seestreitkräfte aufzubauen: Werften und die ihnen zuarbeitende Industrie waren mit der Konstruktion und Produktion solcher Schiffe noch unerfahren, zudem fehlte eine klare Antwort auf die Frage, ob die Marine offensiv oder defensiv ausgerichtet sein sollte.

Ab 1883 erhielten alle Einheiten zusätzlich zwei Unterwasser-Bugtorpedorohre, zwei 8,7-cm-L/24-Ringkanonen und zwei 3,7-cm-Revolverkanonen. Die Besatzung konnte bis zu 88 Mann umfassen, ihre Unterbringung unter dem ungepanzerten Backdeck war beengt. Nach und nach wurden die Boote – beim Seemann auch „Schlickrutscher“ oder „Wattwanzen“ genannt – ab 1909 außer Dienst gestellt. Einige wurden zu Werkstattschiffen umgebaut; die ehemalige Viper wurde noch 1962 als Kranschiff gesehen.

Neue Planunterlagen nach der Wende 1990

Nach Unterlagen des Deutschen Museums in München begann in den 1970er-Jahren ein Zeichner mit einer der ersten Planrekonstruktionen für den Modellbau. Wichtige Grundlage war dabei auch ein Foto eines heute verschollenen Modells aus dem ehemaligen Museum für Meereskunde in Berlin. Anfang der 1980er-Jahre entstand dann ein weitaus ausführlicherer Modellbauplan und ein danach gebautes Modell, das heute im IMMH zu sehen ist.

Nach der politischen Wende kamen zahlreiche technische Unterlagen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland zurück – darunter ein originaler Plansatz der SMS Biene. Diese Dokumente schlossen Wissenslücken, die im erwähnten Modellbauplan mangels Originalunterlagen zwangsläufig entstanden waren. Das betrifft vor allem die Gestaltung des Ober- und des Achterdecks, das entgegen der Darstellung im Modellbauplan nie einen Holzbelag hatte, sowie die Aufstellung der 8,7-cm-Ringkanonen in Erkern. Der Grundriss des Kommandostandes und die Ausführung des Signalmastes sind ebenfalls – wenn auch geringfügig – anders. Die im Handel erhältlichen Kartonmodellbögen von HMV (1/250) und auch der neuere Bogen des ukrainischen Verlags PaperModeling (1/200) folgen weiterhin dem älteren Bauplan und wurden leider nicht nach den Originalplänen aktualisiert.

Das Modell aus Karton

Meine beiden Modelle - das zweite, die SMS Crocodill, zeige ich später -  im Maßstab 1/250 basieren auf dem HMV-Bogen aus den 1990er Jahren, aus dem sich zwei Modelle bauen lassen. Ich habe die Vorlage jedoch nach den oben beschriebenen, aktuelleren Forschungsergebnissen ergänzt und geändert – das betrifft unter anderem den Decksbelag des Oberdecks, die achteren Geschützerker und die Grundrissform des Kommandostandes. Anstelle von Holzplanken wurden die Decks mit gesandeter Farbe gestrichen.

Das Vollrumpfmodell der SMS Wespe zeigt das Typschiff im Auslieferungszustand von 1876 – ohne die spätere erweiterte Bewaffnung, ohne Kommandostand, ohne Bootsbarrings und ohne Schutzschilde um das Hauptgeschütz, dafür mit einfachem Signalmast. Präsentiert auf zwei Sockeln auf einer Holzunterlage, zeigt sich die Wespe werftneu. Gebrauchsspuren sind unter den Ascheauswürfen und oben am Mast zu sehen (Rußspuren vom Schornstein). Das Unterwasserschiff habe ich selber konstruiert, mit Kartonspanten aufgebaut und mit Papier beplankt.

Klaus Lingenauber