Wer kennt das nicht? Ein neues Modellbauthema ist gefunden, Pläne und Unterlagen sind gesammelt, die Modellwerft ist für neue Aufträge wieder frei und es geht los. Mein nächstes Modell sollte der französische Toppsegelschoner La Toulonnaise werden. Ein sehr elegantes, schnittiges Schiff, welches als Vollrumpfmodell nach Bauplan gebaut im Maßstab 1/250 Freude machen sollte. Weil ich mich kenne, und ich kenne mich gut, wollte ich von vornherein einer aufkommenden Unlust beim Modellbau entgegenwirken. Manchmal ist es so, dass ein Modell fast fertig ist und die nötige Energie zur Vollendung fehlt (wer kennt das nicht?). Um dem entgegenzuwirken, fertigte ich zunächst nicht den Rumpf, sondern die Beschlagteile an. Ich wollte ein befürchtetes Schaffenstief vermeiden, indem ich von vornherein viel Aufwand in mein Modell gesteckt habe, um es dann, dank der fertigen Bauteile, gut zu Ende zu führen können. So fertigte ich zuerst die Flaggen, Segel, Masten, Stengen, ein Beiboot, Karronaden und viele andere Bauteile an, um mich auf den Rumpfbau zu freuen.


Mein Modell baute ich wie so oft aus Karton und Papier. Nach dem skalierten Bauplan habe ich im Rechner vorab einige Teile konstruiert. Vor allem die Segel und das Deck machen einen feineren Eindruck, wenn die nötigen Linien der Fugen und Nähte einheitlich erscheinen. Auch die Darstellung der Grätings und die Einlegearbeiten des Poopdecks sind digital entstanden. Von der Spitze des Klüverbaums bis zur Nock der Großgaffel hat mein fertiges Modell eine Länge von 14,2 cm und vom Loskiel zum Mastknopf des Großmastes eine Höhe von 11,7 cm.

Getakelt habe ich mit Serafilgarn. Trotz meiner Vorbereitungen dauerte der Modellbau recht lange, weil ich dann doch die Lust am Schiff verloren habe. Erst nach der Mastsetzung, als das Schiff seine wahre Eleganz zeigte, war ich wieder richtig motiviert, den Schoner endlich zu vollenden.


Das Original wurde am 13. August 1823 in Toulon in den Dienst der französischen Marine gestellt. In seinen 20 Dienstjahren hatte das kleine Schiff ein bewegtes Leben. Es nahm Aufgaben wahr, wie sie später einem Kreuzer zugewiesen wurden. Der Schoner war bei französischen Aktionen gegen die revolutionäre spanische Regierung vor Barcelona eingesetzt. Die dortige Regierung sollte gestürzt und König Ferdinand VII. wieder eingesetzt werden. Es folgten ab Januar 1824 Fahrten gegen den Sklavenhandel an der Küste Afrikas. Mehrere Fahrten nach Neufundland folgten, ebenso Einsätze in der Karibik gegen Piraten. So ein kleines Schiff unternahm so weite Fahrten! Das ging natürlich an die Substanz und hatte einige Reparaturen zur Folge. La Toulonnaise kehrte 1843 nach Brest zurück, wo sie am 18. Dezember aus den Listen der Flotte gestrichen wurde: Die Reparaturkosten wurden auf mehr als zwei Drittel eines Neubaus geschätzt.

Zum Lebenslauf des Toppsegelschoners gibt es unterschiedliche Angaben. Ebenso zum Aussehen und zur Bewaffnung. Die vielen Reparaturen und Umbauten tragen sicher zu dieser Erscheinung bei. Modellbaupläne sind im vth-Verlag und bei der AAMM (Association des Musées Maritimes, Paris) erschienen. Im Marinemuseum Toulon wird ein zeitgenössisches Modell im Maßstab 1/40 ausgestellt. Ich vermute stark, dass sowohl beide Baupläne als auch die erhältlichen Modellbaukästen auf eben diesem Modell basieren.


Ich habe bei diesem Schiff gelernt, dass die Anker nicht mit einem Spill sondern mit an den Ankerleinen angeschlagenen Taljen gelichtet wurden. Daher fehlt die sonst so markante Decksaustattung eines Gangspills. Gute Planunterlagen sollten dieses Detail nicht zeigen.

Fotos der gebauten Modelle, einschließlich des in Toulon, zeigen oft Blankholzmodelle. Klare Anstrichsvorschriften der französischen Marine um 1823 sind mir unbekannt. Auf den sehr schönen zeitgenössischen Bildern der Maler aus der französischen Familie Roux fand ich oft Kriegsschiffe mit schwarzen Rümpfen, weißen Pfortenbändern und weißen Masten. Diesem Beispiel folgte ich. Ebenso ist das gekupferte Unterwasserschiff nur eine Vermutung, geschuldet den Einsätzen der La Toulonnaise in der Karibik (das Kupfer sollte in warmen Gewässern Schädlinge vom Holz des Rumpfes fernhalten).


Den Großmast wollte ich mit einem Flaggensignal dekorieren. Ich fand für die betreffende Zeit leider nur den 1817 von Frederick Marryat eingeführten Code (A Code of Signals for the Use of Vessels Employed in the Merchant Service). Mein Signal bedeutet „185 = Benötigen Sie Unterstützung?“. Ich weiß leider nicht, ob der Code zur betreffenden Zeit auch in der französischen Marine in Gebrauch war.


Technische Daten:
    Länge: 31,50 Meter (L.ü.A.: 49,90 Meter)
    Breite: 7,30 Meter
    Tiefgang: 2,77 Meter
    Segelfläche: 680 qm
    Verdrängung: 90 Tonnen
    Bewaffnung: 8 Karronaden zu je 18 Pfund (französische Pfund?) und 4 Drehbassen auf den Schanzkleidern. (Interessant: Anfangs nur 6 Karronaden. Vermutlich wurden 1832 zwei weitere hinzugefügt.)
    Besatzung: 61
    18 Tonnen Lebensmittel für 61 Männer für eine dreimonatige Expedition:
11.000 Liter Wasser, 2.328 Liter Wein, 400 Liter Brandy, 500 kg Kekse, 1.100 kg Wurstwaren (2/3 Speck und 1/3 Rindfleisch), 1.220 kg Mehl, 175 kg Salz, 1.125 kg Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Linsen) und Reis.


Klaus Lingenauber