Ende des 19. Jahrhunderts beeindruckten Kriegsschiffe durch ihre eigenwilligen Formgebungen. Mein Kartonmodell von S.M.S. Hansa im Maßstab 1/250 zeigt solch ein Abbild des damaligen Zeitgeschmacks mit hochgetürmten Aufbauten, sichelförmigen Bug mit hoher Back, einer massiven Brückenstruktur, Geschützkasematten, Kreuzerheck mit Balkon, drei Schornsteine und einem schweren Gefechtsmast. Ein Gruß aus der Kaiserzeit in Form eines Schiffes, bei dessen Aussehen natürlich auch die technisch/taktischen Anforderungen eine Rolle spielten.
Vom HMV-Verlag gibt es einen Kartonmodellbaubogen des Typschiffes der Klasse, S.M.S. Victoria Louise im weiß/gelben Tropenanstrich. Ob der Kreuzer vor dem Umbau ab 1907 jedoch diesen Anstrich führte, ist mir unklar (wahrscheinlich ist der graue Anstrich der Heimatflotte). Mein gewünschtes Modell solch eines imposanten Kreuzers sollte jedenfalls den attraktiven Tropenanstrich führen und historisch korrekt sein. Als Hamburger wählte ich als Vorbild daher Hansa aus, die vom damaligen zweiten Bürgermeister Hamburgs getauft wurde. Auf Basis des erwähnten HMV-Bogens (16 Seiten, 1713 Teile) war der Plan, die Victoria Louise in mein Wunschschiff umzubauen. Das schien mir machbar. Aufgrund der zahlreicher Unterschiede zwischen den Schiffen, die ich zunächst ermitteln musste, wurde das jedoch eine mühsame Arbeit.
Kaiser Wilhelm II. träumte Ende des 19. Jahrhunderts von einer weltumspannenden Kreuzerflotte. Um diesen Traum wahr werden zu lassen, wurden fünf Kreuzer II. Klasse nach dem Entwurf vom Geheimen Admiralitätsrat Alfred Dietrich gebaut. Der Kiel zum Neubau »N« wurde 1896 bei der A.G. Vulkan in Stettin gelegt. 1898 wurde das Schiff auf den Namen Hansa getauft und 1899 nach Ostasien entsandt. Das neue Kriegsschiff erreichte nach einer abenteuerlichen Fahrt mit einigen Pannen am 15. März 1900 den Stützpunkt Tsingtau in China. Von dort wurde im Juni 1900 das Schiff zur Niederschlagung des Boxeraufstandes eingesetzt. Es wurden auf Reede von Taku 123 Mann ausgeschifft, die sich den internationalen Truppen zum Marsch auf Peking anschlossen (Stichwort: »The Germans to the front!«). Hansa hatte dabei mit 13 Toten die höchsten deutschen Verluste zu beklagen. Nach Fahrten im chinesischen Meer kehrte das Schiff 1906 heim.
Die Schiffsklasse erwies sich schnell als ungeeignet für die vorgesehenen Aufgaben: schwach bewaffnet, schwach gepanzert, zu langsam, geringer Aktionsradius. Die Engländer nannten die Einheiten nach ihrem Erscheinen auf den Meeren spöttisch nur »Ten minutes cruiser«: denn in dieser Zeit wollten sie die schwimmenden Ritterburgen versenkt haben. Die Konzeption dieser Kreuzer war, den Kosten geschuldet, in der Tat eine Ansammlung von Kompromissen die zwischen Handelsstörer und Schlachtflotteneinheit schwankten. Die Schiffe sollten zudem sowohl für die Ostsee als auch den Einsatz im Pazifik geeignet sein (Stichwort: Belüftung). Ab 1907 wurden alle nun schon völlig veralteten Schwestern zu Schulschiffen umgebaut. Bei der Hansa wurden aus drei zwei Schornsteine, der Gefechtsmast wurde durch einen Pfahlmast ersetzt. Um die Schiffsilhouette flacher werden zu lassen, mussten die Aufbauten stark reduziert werden. In ihrer neuen Funktion unternahm S.M.S. Hansa ab 1909 Reisen ins Mittelmeer, in die Karibik und an die Küsten der USA. Ab Kriegsbeginn 1914 leistete sie Wachdienst in der Ostsee, lag dann bis 1919 als Wohnschiff in Kiel und wurde 1920 abgewrackt.
Das Modell ist auf Kartonspanten gebaut, 45 cm lang, 8 cm breit und 17 cm hoch. Die meisten Bauteile sind mit Acrylfarbe angemalt. Der Einsatz von Lasercutteilen kam hinzu. Ich stellte S.M.S. Hansa mit halber Kraft fahrend in einer Acrylgel-Wasserfläche dar. Der Anstrich entspricht den Vorschriften für Auslandsschiffe und folgt historischen Fotos des Originals (der HMV-Bogen liegt in diesem Punkt nicht in allen Bereichen richtig). Mein Modell zeigt das Schiff, wie es Vizeadmiral Bendemann in chinesischen Gewässern diente (seine Flagge weht am Fockmast). Das Modell war mit seinen komplizierten Rumpfformen, den vielen Aufbauten und zig-Lüftern aufwendig – ich arbeitete mit Unterbrechungen drei Jahre daran. Anstelle einer Rah gab es am Fockmast eine gitterförmige Plattform zur Führung von Signalleinen. An deren Nocken zeige ich die halbgesetzten roten Dampfbälle – das Schiff fährt mit halber Kraft. Die Kombination der Signalflaggen bedeutet: »Der Admiral wünscht sie zu sprechen«. Die Semaphor-Anlage mit Winkern an beiden Stengen waren seitlich und vorn ablesbar. Nachts dienten Dreierlampen-Anlagen zur Signalübermittlung. Achtern kreuzt ein chinesisches Flussschifferboot das Kielwasser. Als Hinweis, in welcher Weltgegend mein Dampfer unterwegs sein soll.
Taktisch-technisch waren die fünf Schiffe gleich, unterschieden sich aber in Details. Die Werften bauten damals alles selbst, es gab kaum Standardzulieferer. Daher konnten Ausrüstungsteile und deren Anordnungen von Schiff zu Schiff variieren. Auch die Maschinenanlagen fertigten die Bauwerften noch selbst. Deren Platzbedarf und die Be- und Entlüftungen hatte Einfluss auf die innere Aufteilung der Kreuzer und auf deren Aussehen (z.B. Abdampfrohre in unterschiedlicher Zahl und Positionen an den Schornsteinen). Die großen, schwanenhalsförmigen Bootskräne wurden auch von Schiff zu Schiff verschieden gebaut (z.B. mit runden, ovalen oder gar keinen Entlastungslöchern). Die großen Schiffe der Kaiserlichen Marine sind daher als Einzelstücke zu sehen, auch wenn sie Schwesterschiffe waren. Interessant ist dazu die Betrachtung alter Fotos und Postkarten. Nicht immer müssen deren Beschriftungen stimmen. Anhand der beschriebenen Details (Streifen, Schornsteine, Schwanenhalskräne) lassen sich im Zweifel die Schiffe identifizieren.
Bei meinem Umbau »von Victoria Louise zu Hansa« prüfte ich mühsam jedes Bauteil. Auffällig bei S.M.S. Hansa gegenüber ihren Schwesterschiffen: der Muntzmetallbeschlag über der Wasserlinie (eines ihrer Alleinstellungsmerkmale), andere Lüfterverteilung als bei den Schwestern (z.B. der große Kastenlüfter hinter dem achteren Kommandoturm), abweichende Bullaugen- und Fensteranzahl (z.B. vier Fenster an der Front des Ruderhauses) und vieles mehr. Ein markantes Merkmal ist der untere rote Streifen am Rumpf. Nur bei Hansa läuft er im Bugbereich in einem Bogen unter die Bugzier. S.M.S. Hertha führte ebenfalls zwei Streifen, bei ihr blieben sie jedoch auf ganzer Rumpflänge parallel. Sind das unwichtige Kleinigkeiten? Ich finde nicht – solche Details machen eine gute Recherche und damit auch ein gutes Modell aus.

















Klaus Lingenauber




