Ein Drama oder Lustspiel, ganz wie es Euch gefällt!
In 5 Akten und 2 Aufzügen
Jetzt, beim Schreiben dieses Artikels, quält mich, wie so oft die Erkenntnis, dass ich viel zu wenige Fotos gemacht habe. Fotos von Baustufen, die so manches, was nun mühsam in Texte verpackt werden muss, selbstredend verdeutlichen würden. Leider bin ich halt eine begeisterte Modellbauerin aber eine lausige Journalistin. Wenn mich die Begeisterung erfasst und es bei der Arbeit so richtig läuft, denke ich an alles andere als die fotografische Dokumentation. Da bin ich zeitweise so im „Flow“, dass alles was rund um mich herum geschieht sich der Wahrnehmung entzieht. Diese Welt der Miniaturen hat schon etwas magisches und sie zieht mich immer wieder völlig in ihren Bann. Es ist treibt mich an den Rand der Verzweiflung, wenn etwas nicht und nicht gelingen mag und sich all meine Energie an irgend einem widerspenstigen Detail verschleißt. Manchmal ist da ein tagelanges, ja sogar wochenlanges Grübeln um die Lösung eines Problems zu finden. Doch wenn es dann aus unerfindlich Gründen, allen Widerständen zum Trotz gelingt, kehrt eine tiefe Freude und Zufriedenheit ein. Gerade jetzt, in diesen Zeiten wo die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, bin ich dankbar für meinen Fluchtort. Oft, vielleicht zu oft, ziehe mich zurück und flüchte in meine Fantasie, die sich unter der Lupenlampe zu einer kleinen Realität entwickelt. Diese Miniatur dieses kleinen Fischkutters war eine ziemliche Herausforderung und große Freude in einem. Zahlreiche neue Techniken wurden erprobt, die manchmal zu guten Ergebnissen führten, mich manchmal, reumütig zu altbewährten Techniken zurückkehren ließen.
Anlässlich der Scale Model Challenge 2023, beim ratlosen Streunen durch die Reihen der Händler, die mit verführerischen Angeboten um meine Kauflust buhlten, geriet mein Vorsatz der Zurückhaltung wieder einmal gehörig ins Wanken. Zu verlockend waren diese Angebote, unter anderem am Stand von Neomega. John Updike, der Besitzer und Entwickler der Bausätze in Personalunion, hatte einfach eine zu interessante Palette, an kleinen sehr ungewöhnlichen Schiffen in seinem Portfolio. Zunächst schlich ich mit meiner Vernunft kämpfend davon und suchte Ablenkung in dem bunten Treiben. Bis zum nächsten Tag dauerte das Ringen mit meinem inneren Schweinehund der erbärmlich jaulte. Letzten Endes wurde ich dann doch schwach und erwarb den Bausatz eines „Steam Drifters" der Ocean-Klasse von 1917.
Bei diesen Booten handelt es sich um eine mehr oder weniger standardisierte Typ von Fischkuttern. In unzähligen Varianten befuhren sie die See. Ein einfacher aber unglaublich gebrauchsfähiger Schiffstyp. Zur Recherche trieb ich mich wie üblich im Internet herum, hatte ich doch zunächst keinerlei Ahnung von dem wirklichen Aussehen meines Modells. Eine Unzahl von Fotos, die mir da entgegen schwappte, verwirrte mich zunächst mehr, als das es mir Klarheit gab. Eine Vielzahl von Zeichnungen und Plänen halfen mir dann letztlich das Schiff konstruktiv zu verstehen. Eine sehr gut gestaltete Website fesselte mich letztlich ganz und gar: „The Cellardyke Trust“. Hier erfährt man unglaublich viel über die Fischerei und die Boote. Jetzt, beim Schreiben, wollte ich um Fotos für den Artikel bitten und erhielt eine sehr nette aber ablehnende Antwort. Auch würde ich mit äußerster britischer Höflichkeit, in Komplimenten wohlgefällig eingepackt, darauf hingewiesen, dass mein Modell nicht akkurat sei. Einige Details würden nicht dieser Klasse entsprechen.
Während des Nachdenkens und Grübelns blätterte ich wieder einmal in einem von mir sehr geschätzten Buch mit hervorragenden Fotos diverser Wracks. Schnell manifestierte sich in mir die Idee, dass mein kleiner Fischkutter als Wrack dargestellt werden soll. Zu schön waren die Fotos, der dahinsiechenden Schiffe in ihrer üppigen Farbenpracht. Drei sehr unterschiedliche Wracks haben es mir angetan. Natürlich konnte ich mich zunächst nicht entscheiden und so beschloss ich eine Mischung aus allen, der drei Vorlagen zu realisieren. Zum einen wollte ich die Farbigkeit dieses kleinen Schiffes erhalten, zum anderen behagte mir auch das Monochrome einer rostigen Oberfläche. Diese Tristesse und Kälte des ersten Fotos übten auch einen unglaublichen Reiz auf mich aus, den ich zunächst nicht deuten konnte.









1. Akt, steter Tropfen höhlt das Schiff
Doch zunächst waren die die üblichen Entscheidungen zu treffen - was ? - wann, -und vor allem wie ? - damit tue ich mir unfassbar schwer. Mir gefällt einfach zu viel und weil ich mich dann nicht festlegen kann bleibt vieles, zu vieles liegen. Geistert ruhelos, als unerfüllter Traum in meinem Kopf herum und lässt mich manchmal fast verzweifeln. Irgendwann beginne ich dann mit einem Arbeitsschritt. Fast immer ist es etwas destruktives, wie das Bohren von Löchern das Aushöhlen oder das Zersägen eines Bauteils. So auch hier, ich einfach begonnen den Bereich des Maschinenraums auszuhöhlen, denn ein Schiff sollte zumindest ein bisserl einsichtig sein, denn sonst wirkt es nur wie ein massiver Klotz. Ohne viel nachdenken, einfach drauf los und Tatsachen schaffen! Wenn ein Modell es gut mit mir meint, dann zeigt es mir den Weg wie es gebaut werden will. Dieser kleine Fischkutter war in dieser Hinsicht besonders freundlich. Schritt für Schritt ging es voran und so wurde dieses Modell in der für mich überraschend kurzen Zeit von knapp einem Jahr fertig.
1. Aufzug, die Dekonstruktion
Nach dieser langen Ouvertüre ein wenig sachliches. Wie gesagt, zumeist leiten mich die Modelle und so wurde mir auch hier erst langsam klar, wo ich Einblicke gewähren wollte und zunächst, die später sichtbaren Hohlräume geschaffen werden mussten. Den Maschinenraum hatte ich schon erwähnt, doch auch die Kajütentür sollte offen stehen, der Laderaum für den Fischfang war auch klar, so wie der Abgang in den Bugbereich.







2. Aufzug, Ein Wrack ohne Leck ist nur die halbe Miete
Einen Grund musste es ja geben warum dieses Schiff auf Land gesetzt und vergessen wurde. Ich entschied mich für ein veritables Leck als Begründung. Ein Riss rechts vorne, knapp unter der Wasserlinie verursacht bei einem Sturm an einem Felsen. Ob Unglück oder Unachtsamkeit es spielt keine Rolle. Man war froh gerade noch an Land gekommen zu sein. Das Schiff wurde sich selbst überlassen. Zu aufwändig oder teuer wäre eine Bergung gewesen.







2. Akt, wer rastet der rostet
Nachdem der Rumpf ausgiebig mit diversen Lagen an Grundtönen den Chipping Fluids und letztendlich dem fertigen Anstrich versehen war, begann der Prozess des Verrosten und Verrottens. Nun habe ich ja durchaus ein bisserl Erfahrung mit dem Altern von Schiffen, verließen doch schon so manche meine kleine Werft. Das hier war jedoch eine gänzlich neue Herausforderung. Ein richtiges Wrack musste gehörig deftigere Spuren aufweisen, als ein noch in Gebrauch stehendes Schiff. Zu bedenken gilt es immer in welche Richtung das am Rumpf herablaufende Wasser nimmt, wo es länger stehen bleibt und somit Rost entsteht, wo Farbe abgeschabt wurde oder abgeplatzt ist oder wo sich schlichtweg flächiger Rost ansetzt und dann durch herablaufendes Regenwasser wieder abgespült wird.
Habe ich bei den grundlegenden Farben der für mich neue Welt des Vallejo-Farbenspektrums verwendet, so bin ich für die Details, trotz aller erfolgsversprechender Vorlagen zu den mir vertrauten Ölfarben zurückgekehrt. Mit diesem Medien fühle ich mich sicher und die langjährige Erfahrung gibt mir die Courage auch zu neuen Ufern aufzubrechen. Ich brauche da keine Palette von vielfältigsten Rosttönen oder Washings. Eine relativ kleine Palette an Ölfarben reicht mir völlig. Vielleicht auch nur weil mir der Umgang mit ihnen vertraut ist und ich weiß wie sie reagieren.











3. Akt, Lampen , Netze , zerbrochene Fenster eine Unzahl von Details
Auf bzw. an einem Schiff besonders an einem Fischkutter gibt es eine Unzahl unterschiedlichster Gebrauchsgegenstände und technischer Einrichtungen. Texturen und Materialien in Hülle und Fülle, wie Metall, Holz, Stoff, Glas und Tauwerk unterschiedlichster Ausprägungen erfordern eine realistische Umsetzung „en miniature“. Da gibt es Positionslichter in grün und rot, Signallampen am Mast und Leuchten, die das Deck beleuchten, um ein Arbeiten in der Nacht zu ermöglichen, letztere habe ich ein wenig ausführlicher dargestellt.
Ein kleines, eigenes Modell stellte der Abgang in den vorderen Bugbereich dar. Er sollte fragil und zerbrechlich wirken, die Türen offen und teilweise aus den Angeln gerissen. Anfänglich war da eine Enttäuschung, als sich das sehr dünne Plastik durch den Klebstoff zu verformen begann. Irgendwie brauchte ich Abstand nach der scheinbar vergeblichen Mühe und ließ es liegen. Lackierte es dann irgendwann, den Rest einer Farbe versprühend und es fing mir an zu gefallen. Was anfänglich ziemlich verhunzt - darum keine Fotos - ausgesehen hat trat nun, überraschend realistisch nach Blech aussehend in Erscheinung und ich arbeitete geduldig weiter Schicht um Schicht.
Zu den von mir gefürchteten Bauteilen zählt alles, was letzten Endes transparent sein soll. Solchen Dingen wie Cockpithauben und Fensterscheiben weiche ich, wenn möglich großräumig aus. Da war zunächst der verlockende Gedanke, die Fensteröffnung des Steuerstandes einfach leer zu lassen. Es war ja schließlich nur ein Wrack. Sehr sympathisch, weil leicht zu realisieren. Trotzdem, je länger ich darüber brütete und unzählige Stellproben betrachtete, umso weniger gefiel mir diese Idee und der innere Schweinehund begann nachzugeben. Zumindest zerbrochene Scheiben mussten es sein. Gedacht getan, schon wurde mit allerlei transparentem Material herum probiert. Das was dabei heraus kam war allerdings nicht zufriedenstellend. Der innere Schweinehund begann freudig mit dem Schwanz zu wedeln. „Lass es sein grunzte“ er aus seinem Eck. Dann, quasi ein letzter Versuch, probierte ich ein Stückerl aus einer spröden Blisterverpackung und es funktionierte. Mit dem Skalpell traktiert zerbrach das Material in verblüffend realistischer Weise. Ich bin immer wieder überrascht, welche Aufmerksamkeit dieses kleine Detail beim Betrachten auf sich zieht. Nicht auszudenken, wenn die Fensteröffnungen leer geblieben wären.
Die Abdeckung der Ladeluke wollte eingebrochen dargestellt werden, um Einblick in den mit Fischernetzen gefüllten Laderaum zu gewähren. Das hatte zur Folge das Netze hergestellt werden mussten, die eingebrochen Planken und nicht zuletzt die Persenning, die das Ganze einmal abgedeckt hat. Da gab es eine Vielzahl von diversen Stoffen darzustellen, wie bei den Segeln helfe ich mir hier mit vorher eingefärbtem und durch verdünnten Weißleim gefügig gemachtem Papier. Das funktioniert ganz hervorragend wenn das Papier dünn genug ist.











4. Akt, die Segelmacherei
Nächtelang hat es mich bewegt. Hin und her wurden Pläne gewälzt. Ich wollte unbedingt ein verrottendes Segel auf meinem Wrack darstellen. So ein Stück Stoff, das langsam sein Fasson verliert. Durch Wind und Wetter gebeutelt aus den Fugen geraten, für mich hat das etwas unglaublich poetisches. Neue Muster und Strukturen entstehen und erstrahlen in der Schönheit der Vergänglichkeit. Ist es für mich schon eine Herausforderung funktionierende Segel glaubhaft im Modell darzustellen, erschien mir dies zunächst eine schier unlösbare Aufgabe.
Nachdem alles Grübeln, Nachdenken und Gehirn zermartern zu keinem Ergebnis führte lies ich den Dingen seinen Lauf. Irgendwie begann sich das Modell wieder einmal von selbst zu bauen. Zunächst geschah noch alles ganz pragmatisch und nach den gewohnten Mustern. Die Masten wurden aus Aluminium gedreht und des Segel klassisch aus mit Weißleim verstärkten Papier hergestellt.
Da lagen sie nun, fein säuberlich die Einzelteile und wollten verbaut werden. Ohne Konzept fügte ich alles zusammen, machte das Segel mit Wasser gefügig, presste, quetschte, bog mit sanfter Gewalt ohne zu denken und doch zielstrebig, Nach einer Pause, in der zunächst einmal alles trocknete und sich verfestigte ging es weiter. Risse wurden angebracht, Farbe aufgetragen und wieder entfernt, verstärkt, verblasst…. Es war wie ein Rausch an diesem Samstagnachmittag. Irgendwann war es dann fertig und ich ergötzte mich an dem leicht durchsichtigen Schimmern im Abendlicht. Einer dieser glücklichen Momente im Leben einer Modellbauerin. Gar nicht sattsehen konnte ich mich an diesem Teil und musst es natürlich sofort am Schiff probieren. Ja es machte keine schlechte Figur dieses Segel.
Bis zum fertigen Modell bedurfte es natürlich noch etlicher Schichten Farbe, diverser Seile und Taue und letztlich einen Hauch von Schnee.












5. Akt, Die Landschaft
Da war es wieder dieses Dilemma, ich hatte ein klares Bild vor Augen wie dieses Wrack einsam in einer Winterlandschaft vor sich hin siecht. Leider verhalten sich diese Phantasiebilder äußerst widerspenstig und lass sich nur schwer in die Realität umsetzen. Wie stellt man Weite und Ödnis in einem sehr begrenzten Raum dar? Wie Kälte?
Noch nie habe ich an einem verhältnismässig einfachen Diorama so lange gearbeitet. Die ersten Versuche waren alle nicht zufriedenstellend, zu flach zu langweilig zu groß. Begabtere Menschen als ich tun sich da vielleicht leichter die richtige Komposition zu finden. Irgendwann war es dann klar, dass das Heck noch ein wenig ins Wasser ragte, gefroren natürlich und der erst des Schiffes kam leicht geneigt auf einer leichten Bodenwelle zum liegen. Kaum war der Gedanke gefasst türmten sich Probleme auf wie stellt man Eis und Schnee dar.





Epilog
Nun fällt er also, der letzte Vorhang, das Drama hat sein Ende und findet hoffentlich Applaus, denn dafür leben wir und nehme all die Mühen auf uns. Demütig und dankbar verbeuge ich mich vor dem geneigten Publikum, dass dem Stück bis zum Schluss aufmerksam gefolgt ist. Sich tapfer mit mir durch all die Zweifel, dem Wagen und Scheitern und manchmal auch Gelingen gekämpft hat. Nicht aufgebend bei den vielen Fragen und Problemen die es zu lösen galt. Das Drama hat sich aufgelöst, der ganze Rost und die modellierte Vergänglichkeit, in weißem Schnee seine Entsprechung gefunden.
Danke liebes Publikum, Danke!
Die Besetzung
- Spielzeit: Anfang November 2023 bis Ende September 2024
- Drehbuch: Chloé Fanny Plattner
- Fotografie: Chloé Fanny Plattner
- Nebenrollen: Der innere Schweinehund der oftmals bezwungen werden musste
- Inspiration: Chris McNab; Wracks, Ausrangiert und zurückgelassen; GeraMond, 80797 München; ISBN 978-3-96453-272-5: Ein wunderschönes Bilderbuch über allerlei Wracks von Schiffen, Autos, Zügen und Flugzeugen
- Der Bausatz: Neomega ResinStudio, https://neomega: hochwertige Resinbausätze von verschiedensten britischen Schiffen und auch diverser Zubehörteile
- Referenz: The Cellardyke Trust: sehr umfassende historische Information über die Schiffe und die Fischer
- Farben :
- Acryl für die Basis: Vallejo Colors
- Öl für die Feinheiten: Schminke der Serie Mussini oder auch Norma
Chloé Plattner





