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Great Britain

Das Original

Isambard Kingdom Brunel war einer der bedeutendsten britischen Ingenieure des 19. Jahrhunderts. Auf sein Konto geht neben der Great Western Railroad, diversen Brückenbauwerken und Tunneln auch drei Schiffe. Great Western, Great Britain und Great Eastern waren allesamt technologische Meilensteine; die Great Eastern, Brunels letztes Projekt, war ihrer Zeit so weit voraus, dass sie ein wirtschaftlicher Mißerfolg wurde. Erhalten geblieben ist die Great Britain aus dem Jahr 1843, ein einzigartiges und wegweisendes Schiff.

1839 errichtete die Great Western Railroad in Bristol eine Werft mit dem Ziel, ein neues Transatlantik-Passagierschiff zu bauen. Brunel hatte die Leitung des Projekts; William Patterson entwickelte die Form des Rumpfes; Thomas Guppy war für die Takelung und den Antrieb verantwortlich; Charles Claxton erbaute das Trockendock und betrieb Grundlagenforschung. Der Entwurf wurde mehrfach verändert, um aktuelle Entwicklungen einzubeziehen. 1843 wurde das Schiff von Prinzgemahl Albert schließlich vom Stapel gelassen. Es hatte den größten eisernen Rumpf seiner Zeit, die mit 1.000 PS seinerzeit stärkste Schiffsdampfmaschine, eine revolutionäre Schiffsschraube anstelle von Schaufelrädern, eiserne Schotten, die das Schiff in fünf wasserdichte Abteilungen unterteilten, eine spezielle Takelage, die als Hilfsbesegelung zusätzlich zur Maschine wirken sollte, ein leichter zu bedienendes balanciertes Ruder, neu entwickelte Rettungsboote für jeweils 80 Personen mit Luftkammern, die sie unsinkbar machen sollten, sowie stehendes und laufendes Gut aus Metall.

Es dauerte ein Jahr, bis das überdimensionierte Schiff den Hafen von Bristol verlassen konnte, weil es zu groß für die Schleusen an seinem Eingang war. Dann bewährte es sich jedoch in der Transatlantikfahrt. Seine erste Überfahrt legte es in 14 Tagen und 21 Stunden zurück. 1846 lief die Great Britain vor Irland auf und konnte erst nach einem Jahr geborgen werden. Die Gesellschaft konnte ihre Reparatur nicht bezahlen und ging darüber bankrott.

1850 wurde sie an die Firma Gibbs, Bright & Co. verkauft, die sie in der Australienfahrt einsetzen wollte. Dazu wurde das Schiff umgebaut. Es erhielt eine neue, kleinere und effizientere Maschine, eine neue Schraube und eine Vorrichtung, um diese in den Rumpf einzuziehen, wenn gesegelt wurde. Ihre Takelung wurde ebenfalls deutlich verändert, um das Schiff nun primär zu segeln. Dazu wurde die Zahl der Masten von sechs auf vier und später auf drei verringert und mehr Rahsegel angebracht. Auch wurde ein zweiter Schornstein errichtet und neue Deckshäuser angebracht.

So diente das Schiff von 1852 bis 1875 zwischen Liverpool und Melbourne und brachte zahlreiche Auswanderer nach Australien. Während des Krimkriegs und des indischen Aufstands diente es zudem als Truppen- und Munitionstransporter für die Regierung.

1881 wurde die Great Britain erneut verkauft; nun wurde sie in ein reines Segelschiff umgebaut und im Frachtverkehr eingesetzt. Sie brachte walisische Kohle nach Kalifornien und transportierte Guano-Dünger auf der Rückfahrt. Hierzu wurden Maschine und Schornstein entfernt, der Rumpf mit einer Holzbeplankung überzogen und das Unterwasserschiff mit Kupfer beschlagen. In dieser Form diente sie jedoch nur wenige Jahre. 1886 wurde sie im Sturm vor Kap Hoorn schwer beschädigt und suchte auf den Falkland-Inseln Schutz. Dort konnte sie jedoch nicht repariert werden und mußte als wirtschaftlicher Totalschaden abgeschrieben werden. Die Falkland Islands Company kaufte das Schiff und benutzte es in den folgenden Jahrzehnten als schwimmendes Lager für Wolle und Kohle. 1914 wurden die Schiffe des britischen Geschwaders aus ihr bekohlt, das gegen das deutsche Ostasiengeschwader unter Admiral Graf Spee mobilisert worden war.

1937 schließlich war das Schiff in einem so schlechten Zustand, dass es auch als Kohlenhulk nicht mehr nutzbar war. Erste Überlegungen, es als Museumsschiff zurück nach England zu bringen, führten nicht zum Erfolg, deshalb wurde die Great Britain möglichst schonend in einer geschützten Bucht versenkt. 1966 begannen ernsthafte Anstrengungen, sie zu erhalten, und im Jahr 1970 schließlich wurde sie aufgeschwommen und auf einem Ponton zurück nach England gebracht wo sie am 19. Juli eintraf, auf den Tag 127 Jahre nach ihrem Stapellauf.

Seitdem wird sie in ihrem ehemaligen Baudock konserviert. Sie wurde weitgehend in den Zustand bei Indienststellung zurückversetzt und hat einen Großteil ihrer Inneneinrichtung und Maschinerie als Nachbauten erhalten. In den 1990er Jahren wurde deutlich, dass der eiserne Rumpf und besonders das Unterwasserschiff als Folge der langen Zeit im Meerwasser beschleunigt korrodierte und in absehbarer Zeit zusammenzubrechen drohte. Als Lösung des Problems wurde eine gläserne Wasserlinienplatte erbaut und große Trocknungsmaschinen angebracht, die die Luft um das Unterwasserschiff herum und im Rumpf ständig entfeuchten. Diese Maßnahmen scheinen den weiteren Verfall vorerst gestoppt zu haben.

Heute ist die Great Britain eine der größten Touristenattraktionen der Region und eines der beeindruckendsten Museumsschiffe des Landes.

Der Besuch

Der Besuch auf dem Schiff beginnt mit einem Gang entlang des Trockendocks. Die gläserne Wasserlinienplatte ist mit einer dünnen Wasserschicht bedeckt und ergibt aus manchen Blickwinkeln die Illusion, als läge das Schif tatsächlich im Wasser. Ich empfinde diese Lösung als optisch ansprechender als die für die Cutty Sark gewählte Variante. Das Dock um das Schiff herum ist mit Ausrüstungsgegenständen, Ladung, Karren, einem Kran und vielerlei mehr so dekoriert, dass es einem Hafen in Betrieb ähneln soll.

Great Britain Bug Heck mit Schraube von oben
Great Britain Great Britain

Die Besucher sollen nun als nächstes das Unterwasserschiff anschauen und dazu über eine Treppe in das Dock hinabsteigen. Hier ist es möglich, das Schiff komplett zu umrunden und den stark angerosteten und manchenorts geflickten eisernen Rumpf aus der Nähe zu betrachten. Schraube und Ruder sind Rekonstruktionen und auch als solche zu erkennen. Die große Trocknungsmaschine und ihr Rohrsystem sind gut zu sehen.

Trocknungsmaschine Schraube

Nach dem Verlassen des Docks werden die Besucher in ein Ausstellungsgebäude geleitet, in dem entlang einer Zeitachse die bewegte Geschichte des Schiffes mit zahlreichen Exponaten erklärt wird. Blickfang ist das nachgebaute Großtopp mit der Großrah. Wie überall im Museum wird die Mitarbeit überwiegend der jüngeren Besucher angeregt. So kann u.a. die originalgroße Schraube von Hand geheißt und gefiert werden; Besucher können sich in viktorianische Gewänder hüllen und so fotografieren; sie können ebenfalls üben, das Schiff zu steuern. Mich persönlich hat ein Stück originaler Schiffszwieback fasziniert, das ein Passagier als Souvenir mitgenommen hatte. Es sind auch schöne Modelle des Schiffes und der Maschine ausgestellt.

Großtopp mit Großrah Schiffszwieback
Modell der Maschine Modell der Great Britain

Nach dem Besuch der Ausstellung wird man über eine Laufbrücke auf das Schiff geleitet und kann das Oberdeck sowie die zwei darunter gelegenen Decks besichtigen. Diese sind, wie bereits erwähnt, weitgehend eingerichtet und geben einen guten Eindruck von den Verhältnissen an Bord. Alles ist möglichst realistisch und detailverliebt gemacht; auf den Tischen im Speisesaal finden sich teils abgegessene Teller, über verborgene Lautsprecher werden Gespräche eingespielt, Puppen geben bestimmte Passagiere, Besatzungsmitglieder und auch Mr. Brunel wieder. Versucht man eine Aborttür zu öffnen, ertönt das Geschimpfe eines Mannes, der dort gerade sein Geschäft verrichtet. Selbst die Kabinen der ersten Klasse sind von drangvoller Enge. In der schön eingerichteten Kombüse kann man sogar die Ratten hinter den Gerätschaften erahnen.

Great Britain Great Britain Great Britain
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Die Maschinerie ist gut einsehbar, bis hinunter zum Heizraum. Der vordere Laderaum ist weitgehend leer und hier ist der Blick auf die Konstruktion des Rumpfes und die schweren Korrosionsschäden möglich. Kurz und gut – hier wurde alles getan, um den Besuch des Schiffes lebendig und interessant zu gestalten.

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Nach dem Verlassen des Schiffes bietet sich noch ein Blick in das angeschlossene Brunel-Institut an, in dem eine große Bibliothek zu Leben und Werk dieses besessenen Ingenieurs besteht. Einkäufe im obligatorischen Laden und eine Stärkung im dazugehörigen Bistro runden den Besuch ab.

In meinen Augen ist ein Besuch auf der Great Britain einer der Höhepunkte für nautisch Interessierte und sehr zu empfehlen.

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Referenzen

Lage

Frank Spahr